Die Liquiditätsgrade 1, 2 und 3 zeigen dir auf einen Blick, ob dein Unternehmen seine kurzfristigen Verbindlichkeiten aus dem vorhandenen Vermögen decken kann. In diesem Artikel findest du alle drei Formeln, eine durchgerechnetes Beispiel, branchenabhängige Richtwerte und eine Einordnung wo die Grenzen der Kennzahlen liegen.
Was sind Liquiditätsgrade?
Liquiditätsgrade sind drei standardisierte Kennzahlen aus der Bilanzanalyse. Sie setzen verschiedene Vermögenspositionen ins Verhältnis zu den kurzfristigen Verbindlichkeiten und beantworten eine einfache Frage: Reicht das, was man hat, um das zu bezahlen, was man kurzfristig schuldet?
Jeder Grad baut auf dem vorherigen auf: Grad 1 nimmt was sofort da ist: Konto und Kasse. Grad 2 addiert das, was bald kommen sollte: offene Kundenforderungen.
Grad 3 zählt auch das dazu, was erst noch verkauft werden muss: Vorräte und Lagerbestände.
Die Logik dahinter ist einfach: Kurzfristige Schulden sollten mit kurzfristig verfügbaren Mitteln gedeckt sein. Wer eine Lieferantenrechnung mit einem Fünf-Jahres-Darlehen bezahlt, zahlt unnötig Zinsen. Wer eine Maschine über den Kontokorrent finanziert, hat plötzlich kein Geld mehr für die laufenden Rechnungen. Wenn diese Fristigkeiten nicht zusammenpassen, geraten die Liquiditätsgrade unter Druck.
Die drei Grade tragen im internationalen Kontext die Namen Cash Ratio, Quick Ratio und Current Ratio. In Bankgesprächen oder internationalen Bilanzen begegnen dir diese Begriffe regelmäßig. Aber wie berechnet man die verschiedenen Liquiditätsgrade?
Liquiditätsgrade Berechnung mit Beispiel
Wir schauen uns das Beispiel von Marco an. Er betreibt einen Onlinehandel für Bürobedarf, rund 400.000 € Umsatz im Jahr, ein typisches kleines Handelsunternehmen.
Für die Berechnung der Liquiditätsgrade brauchen wir eine Aufstellung seiner liquiden Mittel und kurzfristigen Verbindlichkeiten.
Auf der Habenseite: 15.000 € auf dem Geschäftskonto, 5.000 € in der Kasse, 35.000 € an offenen Kundenrechnungen die in den nächsten Wochen eingehen sollten, und 45.000 € Waren im Lager.
Auf der Schuldenseite: 60.000 € offene Lieferantenrechnungen, eine Steuerrückstellung von 5.000 € und ein Kontokorrentkredit von 10.000 €. Zusammen sind das 75.000 € kurzfristige Verbindlichkeiten, die Zahl die wir gleich als Nenner in jeder Berechnung brauchen. Mit diesen Daten können wir alle drei Liquiditätsgrade berechnen.
Liquidität 1. Grades Formel (Barliquidität)
Liquidität 1. Grades = flüssige Mittel × 100 ÷ kurzfristige Verbindlichkeiten
Man teilt also das, was heute auf dem Konto und in der Kasse liegt, durch alles, was kurzfristig an Rechnungen, Rückstellungen und Krediten bedient werden muss. Das Ergebnis zeigt in Prozent, wie viel davon sofort bezahlt werden könnte.
Liquidität 1. Grades Berechnung mit Beispiel
Flüssige Mittel: 15.000 € (Bankguthaben) + 5.000 € (Kasse) = 20.000 €
Kurzfristige Verbindlichkeiten: 75.000 €
Marcos flüssige Mittel: 15.000 € auf dem Geschäftskonto plus 5.000 € in der Kasse, zusammen 20.000 €. Dem stehen 75.000 € an kurzfristigen Verbindlichkeiten gegenüber: offene Lieferantenrechnungen, eine Steuerrückstellung und der Kontokorrentkredit.
Marcos Liquidität 1. Grades = 20.000 ÷ 75.000 × 100 = 26,7 %
Marco könnte also rund ein Viertel seiner kurzfristigen Schulden sofort bezahlen, allein mit dem, was heute auf dem Konto liegt.
Richtwert und Interpretation
Branchenabhängig liegt der Richtwert bei ca. 10–30 %. Marcos 26,7 % sind solide.
Ein Wert von 20 % klingt auf den ersten Blick niedrig, ist in der Praxis aber üblich. Kein Unternehmen lässt sein gesamtes Kapital ungenutzt auf dem Konto liegen.
Zu viel Liquidität bedeutet ungenutztes Kapital, zu wenig bedeutet Risiko.
Kritisch wird es, wenn der Wert dauerhaft unter 10 % liegt. Dann können selbst kleine unerwartete Ausgaben, eine Reparatur oder eine Steuernachzahlung, zum Problem werden.
Was der Grad 1 nicht zeigt: Er ignoriert, dass in den nächsten Tagen oder Wochen Kundenzahlungen eingehen könnten. Deshalb ist er allein nie ausreichend.
Liquidität 2. Grades Formel (einzugsbedingte Liquidität)
Liquidität 2. Grades = (flüssige Mittel + kurzfristige Forderungen) × 100 ÷ kurzfristige Verbindlichkeiten
Hier rechnet man nicht nur mit dem, was heute auf dem Konto liegt, sondern auch mit dem Geld, das Kunden noch schulden. Man addiert also flüssige Mittel und offene Forderungen und teilt das Ergebnis durch die kurzfristigen Verbindlichkeiten. So sieht man, ob die Schulden gedeckt werden können, wenn alle ausstehenden Rechnungen wie geplant bezahlt werden.
Liquidität 2. Grades Berechnung mit Beispiel
Flüssige Mittel + kurzfristige Forderungen: 20.000 € (Konto und Kasse) + 35.000 € (offene Kundenrechnungen) = 55.000 € Kurzfristige Verbindlichkeiten: 75.000 €
Zu Marcos 20.000 € auf dem Konto kommen jetzt noch 35.000 € an offenen Kundenrechnungen dazu, Geld, das in den nächsten Wochen eingehen sollte. Zusammen sind das 55.000 €. Dem stehen weiterhin 75.000 € an kurzfristigen Verbindlichkeiten gegenüber.
Marcos Liquidität 2. Grades = 55.000 ÷ 75.000 × 100 = 73,3 %
Selbst wenn alle Kunden pünktlich zahlen, kann Marco nur rund drei Viertel seiner kurzfristigen Schulden decken. Die restlichen 25 % bleiben offen – und genau da liegt das Problem.
Richtwert und Interpretation
Der Richtwert liegt bei mindestens 100–120 %. Marcos 73,3 % liegen deutlich darunter: ein Warnsignal. Seine kurzfristigen Verbindlichkeiten sind nicht vollständig durch verfügbare Mittel und erwartete Zahlungseingänge gedeckt.
In der Praxis heißt das: Marco ist darauf angewiesen, dass Vorräte rechtzeitig verkauft werden oder neue Umsätze reinkommen. Kommt eine Lieferantenrechnung unerwartet früher oder fällt ein großer Kunde mit einer Zahlung aus, wird es eng.
Die Forderungen im Zähler des Grad 2 sind also kein sicheres Geld. 40 Tage Durchschnitt bedeutet: Zwischen Rechnung gestellt und Geld auf dem Konto vergeht mehr als ein Monat. Der Grad 2 behandelt Forderungen so, als wären sie fast so gut wie Bargeld – in der Realität ist das oft nicht der Fall.
Liquidität 3. Grades Formel (umsatzbedingte Liquidität)
Liquidität 3. Grades = (flüssige Mittel + Forderungen + Vorräte) × 100 ÷ kurzfristige Verbindlichkeiten
Jetzt kommt zum Konto und den offenen Forderungen auch noch das dazu, was im Lager steht: Warenbestände, Rohstoffe, Halbfertigerzeugnisse. Man setzt damit das gesamte Umlaufvermögen ins Verhältnis zu den kurzfristigen Verbindlichkeiten. Das Ergebnis zeigt, ob mittelfristig genug Substanz vorhanden ist, um die Schulden zu decken.
Liquidität 3. Grades Berechnung mit Beispiel
Flüssige Mittel + Forderungen + Vorräte: 20.000 € + 35.000 € + 45.000 € = 100.000 € – Kurzfristige Verbindlichkeiten: 75.000 €
Zu Marcos 55.000 € aus Konto und Forderungen kommen jetzt noch 45.000 € an Warenbeständen im Lager dazu: Büromaterial, Druckerpatronen, Papier. Zusammen sind das 100.000 € Umlaufvermögen. Dem stehen weiterhin 75.000 € an kurzfristigen Verbindlichkeiten gegenüber.
Marcos Liquidität 3. Grades = 100.000 ÷ 75.000 × 100 = 133,3 %
Marco hat also insgesamt mehr Umlaufvermögen als kurzfristige Schulden. Klingt erstmal beruhigend, aber ein großer Teil davon steckt im Lager. Und Lagerbestände lassen sich nicht morgen auf dem Konto gutschreiben.
Richtwert und Interpretation
Der Richtwert liegt bei 150–200 %. Marcos 133,3 % liegen leicht darunter. Ein Teil des kurzfristigen Fremdkapitals ist nicht vollständig durch das gesamte Umlaufvermögen gedeckt.
Der dritte Grad ist besonders relevant für Händler und produzierende Betriebe mit hohen Lagerbeständen. Ein Dienstleister ohne nennenswerte Vorräte wird hier kaum andere Werte sehen als beim Grad 2.
Vorsicht bei der Interpretation: Ein hoher Lagerbestand treibt den Grad 3 nach oben. Das sieht auf den ersten Blick gut aus, kann aber auf Ladenhüter hindeuten, also gebundenes Kapital, das nicht arbeitet. 45.000 € im Lager sind nur dann 45.000 € wert, wenn jemand die Ware auch kauft. Der dritte Grad ist also nur begrenzt aussagekräftig. Umso wichtiger ist es, die Liquiditätsgrade im richtigen Kontext zu betrachten.
Liquidität 1 2 3 Grades im Vergleich
Am Beispiel von Marco zeigt sich ein typisches Muster: Grad 1 solide, Grad 2 problematisch, Grad 3 knapp unter dem Richtwert. Was bedeutet das – und welcher Grad ist für dich der wichtigste?
- Grad 1 ist dein Frühwarnsystem. Er zeigt ob du heute zahlungsfähig bist – nicht in drei Wochen. Fällt er dauerhaft unter 10 %, hast du kaum noch Puffer für Unerwartetes.
- Grad 2 ist der wichtigste. Er vergleicht Gleiches mit Gleichem: kurzfristig verfügbare Mittel gegen kurzfristig fällige Verbindlichkeiten. Banken und Investoren schauen bei einer Bonitätsprüfung zuerst hierauf. Liegt er unter 100 %, besteht Handlungsbedarf.
- Grad 3 ist vor allem für Händler und Produzenten relevant.
Für Dienstleister ohne Lager sagt er kaum mehr als Grad 2. Wichtig: Ein hoher Grad 3 bei niedrigem Grad 2 ist keine Entwarnung, das Geld steckt dann im Lager, aber die Rechnung nächste Woche muss trotzdem bezahlt werden.
Was wäre, wenn einer von Marcos Kunden seine 10.000-Euro-Rechnung nicht bezahlt?
Sein Grad 2 fällt von 73,3 % auf 60 %. Aus einem Warnsignal wird ein akutes Problem: ein Grund, die Kennzahlen nicht nur einmal jährlich zu prüfen. Denn wer seine Liquiditätsgrade kennt, hat einen Vorteil: Er kann handeln, bevor es eng wird.
Was tun, wenn der Liquiditätsgrad zu niedrig ist?
Marcos Grad 2 von 73,3 % zeigt: Er braucht entweder schneller Geld von seinen Kunden, weniger kurzfristige Schulden oder einen zusätzlichen Liquiditätspuffer. Die häufigsten Ursachen für schwache Liquiditätsgrade sind überfällige Forderungen und zu hohe Lagerbestände. Es gibt jedoch Möglichkeiten um die Liquidität zu verbessern:
Kurzfristig helfen alle Maßnahmen, die Geld schneller aufs Konto bringen: Rechnungen sofort nach Leistungserbringung stellen, Zahlungsziele bei Kunden auf unter 20 Tage setzen, Mahnprozesse konsequent durchziehen, eigene Zahlungen innerhalb der Frist so spät wie möglich leisten.
Mittelfristig geht es darum, die Struktur zu verbessern: Anzahlungen bei größeren Aufträgen einführen, Lagerbestände regelmäßig prüfen und Ladenhüter abstoßen, mit Lieferanten längere Zahlungsziele verhandeln.
Finanzierung als Werkzeug: Wer seine Kennzahlen kennt und früh handelt, hat mehr Optionen. Externe Finanzierung gehört nicht erst auf den Tisch, wenn der Engpass da ist, sondern als strategische Entscheidung davor. Anbieter wie Banxware können kurzfristige Lücken überbrücken – digital, ohne klassischen Bankprozess, oft innerhalb weniger Stunden.
Finanzierung schließt die Lücke. Die Liquiditätsplanung verhindert, dass sie entsteht. Dafür müssen die Kennzahlen aber richtig eingeordnet werden, denn sie zeigen nicht alles.
Grenzen der Liquiditätsgrade – was sie nicht zeigen
Liquiditätsgrade sind nützlich als Schnellcheck, aber sie zeichnen kein vollständiges Bild. Hier die wichtigsten Einschränkungen.
- Stichtagsproblem: Die Werte basieren auf einer Bilanz, also einem einzigen Tag. Zwischen Bilanzstichtag und Veröffentlichung vergehen oft Monate. Was gestern oder morgen passiert, fließt nicht ein.
- Keine laufenden Zahlungen: Gehälter, Mieten und Versicherungsbeiträge tauchen nicht in den kurzfristigen Verbindlichkeiten der Bilanz auf, obwohl sie jeden Monat fällig werden. Die Grade erfassen nur bilanzierte Verbindlichkeiten.
- Branchenunterschiede: Ein Großhändler mit 180 % im Grad 3 ist in einer völlig anderen Lage als eine Softwareagentur mit demselben Wert. Richtwerte sind Orientierungshilfen, keine Absolutwerte. Was in einer Branche solide ist, kann in einer anderen kritisch sein.
- Forderungen ≠ Geld: Grad 2 und 3 rechnen offene Forderungen als quasi-liquide ein. In der Realität können daraus Ausfälle werden oder die Zahlung verzögert sich um Wochen.
- Kein Blick nach vorne: Die Grade zeigen eine Momentaufnahme der Vergangenheit. Ob das Unternehmen nächsten Monat zahlungsfähig ist, zeigt nur eine rollierende Liquiditätsplanung.
Deshalb lohnt es sich, die Grenzen der Kennzahlen zu kennen und sie richtig einzuordnen.
Fazit Liquiditätsgrade
Liquiditätsgrade sind kein Selbstzweck. Sie zeigen dir in drei Zahlen, wie stabil dein Unternehmen wirklich aufgestellt ist – nicht auf dem Papier, sondern wenn nächste Woche die Rechnung kommt.
Grad 1 sagt dir, ob du heute zahlungsfähig bist. Grad 2 sagt dir, ob du es in den nächsten Wochen bleibst. Grad 3 zeigt, ob die Substanz insgesamt stimmt.
Wer diese Kennzahlen einmal im Quartal berechnet, erkennt Probleme früh genug um gegenzusteuern – bevor aus einem Warnsignal ein Engpass wird. Und wer zusätzlich eine rollierende Liquiditätsplanung führt, weiß nicht nur wo er steht, sondern auch wohin er sich bewegt.



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