In dieser Folge sprechen Christian Steiger (Gründer & CEO, Lexware) und Miriam Wohlfahrt (Gründerin, Banxware) darüber, warum niemand gründet, um sich mit Finanzen zu beschäftigen und weshalb genau dort so viele Unternehmen scheitern.
Es geht um Liquidität, Geschwindigkeit und die Frage, warum klassische Systeme fast immer zurückblicken, während Unternehmer nach vorn schauen müssen. Bestandteil des Gesprächs ist ebenfalls der KI-Geschäftspartner: nicht als Tool, sondern als Mitdenker, der den Teil übernimmt, auf den man keine Lust hat und bessere Entscheidungen möglich macht.
Transkript (redaktionell aufgearbeitet)
Was treibt einen CEO an, der ein Unternehmen mit 600.000 Kunden und 220 Millionen Euro Jahresumsatz führt? Bei Christian Steiger, Geschäftsführer von Lexware, ist die Antwort erstaunlich klar: Es geht ihm nicht ums Wachstum um des Wachstums willen. Es geht darum, das Leben von vier Millionen Selbstständigen in Deutschland spürbar leichter zu machen.
Christian ist Familienvater, früher leidenschaftlicher Elektronikmusiker und heute eine der engagiertesten Stimmen für das Thema Unternehmertum in Deutschland. Jeden Morgen fährt er seine Tochter in die Montessori-Schule, ein Bildungskonzept, für das er sich begeistert, weil Maria Montessori schon vor über 120 Jahren Dinge wirklich neu gedacht hat. Genau dieses Prinzip zieht sich durch alles, was er bei Lexware tut.
Lexware existiert seit 1989 und hat sich über Jahrzehnte als Anbieter von Buchhaltungs- und Warenwirtschaftssoftware etabliert. Mit der Entwicklung von Lexware Office hat Christian als Intrapreneur innerhalb des Unternehmens etwas Entscheidendes getan: Er hat die Cloud nicht genutzt, um bestehende Software einfach ins Netz zu verlagern, sondern um grundlegend neu zu denken, wie Unternehmertum eigentlich aussehen sollte. Heute nutzen über 400.000 Unternehmerinnen und Unternehmer Lexware Office, und das Unternehmen sieht sich erneut vor einem echten Gamechanger: der künstlichen Intelligenz.
Ein zentrales Thema ist dabei eine bittere Wahrheit über das Scheitern von Unternehmen: Der häufigste Grund ist nicht ein schlechtes Produkt, sondern mangelndes Liquiditätsmanagement. Viele Gründerinnen und Gründer starten mit einer großartigen Idee und Leidenschaft und verlieren dann den finanziellen Überblick. Das Bankkonto als einziges Steuerungsinstrument zu nutzen ist gefährlich. Wer nicht weiß, wann Steuern fällig werden, welche Ausgaben kommen oder wie sich die nächsten Monate entwickeln, dem kann das Geld ausgehen, selbst wenn das Geschäft eigentlich gut läuft.
Banken schauen aufs Konto, in Echtzeit, aber nur zurück. Steuerberater schauen ein Jahr, manchmal zwei Jahre zurück. Buchhaltung ist per Definition rückwärtsgewandt. Aber Unternehmerinnen und Unternehmer wollen wissen: Wo stehe ich gerade? Und vor allem: Wohin laufe ich? Genau dieses Zukunftsdenken ist der Kern dessen, was moderne Software leisten sollte. Wer seine Finanzdaten im Griff hat, kann nicht nur Liquiditätsengpässe früh erkennen, sondern hat auch die Grundlage, um mit KI echte Entscheidungsunterstützung zu bekommen.
Ein eindrückliches Beispiel: Ein Unternehmer, der refurbished Apple-Produkte verkauft, bekommt kurzfristig die Chance, einen Großauftrag zu erfüllen, wenn er innerhalb von 48 Stunden handeln kann. Seine Hausbank war nicht in der Lage, so schnell zu reagieren. Mit einer alternativen Finanzierungslösung konnte er den Auftrag stemmen und seinen Umsatz verdoppeln. Eine ähnliche Geschichte erzählt eine Gründerin veganer Milchalternativen: Sie wollte einen Bankkredit beantragen und wurde mit einer Liste an Unterlagen und Terminen konfrontiert, die Wochen in Anspruch genommen hätten. Ihr Fazit: Ja, ein alternativer Kredit ist auf dem Papier teurer. Aber wenn man ihre Arbeitszeit einrechnet, war er das hundertfache wert.
Das wohl treffendste Bild für die Zukunft des Finanzmanagements liefert Uber. Einsteigen, aussteigen, fertig. Bezahlen hat einfach nicht stattgefunden. Keine Quittung, keine Karte, kein Zögern. Das ist das Ziel: Dinge so weit zu automatisieren, dass sie aus Kundensicht gar nicht mehr stattfinden. Buchhaltung, Kreditanträge, Liquiditätsplanung, all das will niemand wirklich machen. Die logische Konsequenz: Man muss es so gestalten, dass man es einfach muss. Und am besten so, dass es sich anfühlt, als wäre es bereits erledigt.
Vor nicht einmal drei Jahren war „ChatGPT" ein Begriff, den kaum jemand kannte. Heute sagt jeder „Frag doch mal ChatGPT", so selbstverständlich wie einst „Googel das mal". Diese Geschwindigkeit, mit der neue Technologien ins Alltagsvokabular übergehen, zeigt: Wenn Convenience stimmt, ändert sich Verhalten schneller als wir denken. Dasselbe gilt für das iPhone, für Apps, für Cloud-Software. Und es wird für KI gelten, egal wie viele Stimmen heute noch zögern oder warnen.
Viele nutzen KI heute noch wie eine bessere Suchmaschine: zusammenfassen, übersetzen, umschreiben. Das ist Denken in Aufgaben. Was wirklich gebraucht wird, ist ein Umdenken hin zu Zielen und Ergebnissen. Nicht „Schreib mir einen Text", sondern „Ich will mehr Sichtbarkeit für mein Unternehmen, kümmere dich drum." Das ist der Unterschied zwischen Prompten und Mandatieren. Und genau dieses Mandatieren wird die Zukunft der Unternehmensführung prägen.
Lexware arbeitet an einem Konzept, das intern „Lena-Prinzip" heißt. Die Idee: Jede Unternehmerin und jeder Unternehmer bekommt einen KI-gestützten Co-Piloten an die Seite, eine Art virtuellen Chief of Staff, der im Hintergrund läuft, Finanzen im Blick hat, den Steuerberater informiert, Marketingkampagnen prüft, Branchenvergleiche zieht und bei Bedarf eigenständig handelt. Kein Sammelsurium aus Dutzenden verschiedenen Agenten, sondern eine Instanz, der man ein Ziel nennt und die dann die richtigen Spezialisten orchestriert. Bis 2030 soll das Realität sein.
Kein Unternehmen kann heute noch alles alleine stemmen, weder die kleinen noch die großen. Technologie entwickelt sich so schnell, dass selbst gut aufgestellte Organisationen in der Umsetzung nicht mehr hinterherkommen. Die Antwort lautet: Konzentration auf das Kerngeschäft und kluge Partnerschaften für alles andere. Wer versucht, alles selbst zu bauen, riskiert den Anschluss zu verlieren, wie einst Blackberry, Nokia oder Kodak. Übrigens: Kodak hatte die Digitalkamera erfunden. Sie haben sie nur nicht groß genug gedacht.
Vier Millionen Selbstständige in Deutschland beschäftigen zusammen rund 12,5 Millionen Menschen. Wenn diese Unternehmen ins Straucheln geraten, hat die gesamte Gesellschaft ein Problem. Und doch sind es genau diese kleinen Betriebe, über die kaum gesprochen wird. Der Bäcker um die Ecke, der vier Stellen abbaut, landet nicht auf der Titelseite. Dabei kommen die großen Unternehmen von heute aus genau diesen kleinen Anfängen. Amazon, Apple, die Familien hinter dem Europapark, alle haben irgendwann als Einzelpersonen angefangen. Unternehmertum zu fördern ist keine Nische. Es ist eine gesellschaftliche Aufgabe.
Am Ende dreht sich alles um einen Gedanken: Die höchste Stufe von „einfach machen" ist, wenn es bereits gemacht ist. Wenn Buchhaltung einfach stattfindet. Wenn Liquiditätslücken erkannt und geschlossen werden, bevor man überhaupt darüber nachdenken muss. Wenn die Unternehmerin und der Unternehmer sich wieder um das kümmern können, wofür sie eigentlich angetreten sind: ihre Leidenschaft, ihr Produkt, ihre Idee. Das ist die Vision. Und sie ist näher als man denkt.

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